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Dr. Kurt Moosburger, selbst gerne im Sattel, gilt als einer der bekanntesten Sportmediziner in Tirol. Im Interview mit Tiroler Radsport gibt Dr. Moosburger seine Ansichten zu erfolgreichem Training preis, hält sich aber auch beim Thema Doping nicht zurück. Tiroler Radsport: Du bist selbst ambitionierter Hobbysportler und bist nun seit mehreren Jahren als Leistungsdiagnostiker tätig. Kurt Moosburger: Ich bin vorrangig Mediziner. Internist, Sportmediziner, Ernährungsmedziner, das ist mein Brotberuf. Die Leistungsdiagnostik ist Teil der Sportmedizin, wobei die sich jetzt auf den Hobbybereich beschränkt. Meine Praxis führe ich seit Mai 1995. TR: Gibt es in der Leistungsdiagnostik neue Erkenntnisse seit dieser Zeit? Kurt Moosburger: Seit einiger Zeit wird der Stellenwert der Laktatmessung immer mehr in Frage gestellt, und das zu Recht. Ich bin immer wieder verwundert, dass Hobbysportler, die einmal im Jahr einen Leistungstest machen, glauben, dass sie eine Laktatmessung brauchen. Das ist völliger Unsinn. Die Laktatmessung hat im Breitensport nie wirklich viel gebracht, sie hat die Leute sogar eher auf Irrwege geführt. Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis, dass ein laktatgesteuertes Training effizienter ist. Die Leute machen einmal im Jahr eine Laktatmessung und richten im Glauben an deren Notwendigkeit ihr gesamtes Training darauf aus. Bei einer anderswo durchgeführten Leistungsdiagnostik werden ziemlich sicher andere Werte gemessen. Die Werte differieren einerseits von der Messgenauigkeit her, andererseits sind sie von anderen Faktoren wie z.B. dem Ernährungs- und Erholungszustand abhängig. Es gibt einen relativ großen Streubereich. Das ist das erste Problem. Nummer 2: wie interpretiere ich denn die Messwerte? Am einfachsten mach ich es mir mit den starren Schwellen: 2 mmol - 4 mmol. Das ist aber nicht zweckmäßig, denn so wie jeder seine individuelle Herzfrequenzkurve hat, gibt es individuelle Laktatschwellwerte. Ein Ausdauer-Untrainierter hat seine anaerobe Schwelle in der Regel über 4 mmol, z.B. bei 5,5 mmol, ein Austrainierter kann seine individuelle ANS bei z.B. 3 mmol und sogar darunter haben. Das sollte man wissen, wenn man das Laktat misst, und weiters sollte man wissen, wie man die individuelle ANS ermittelt. Dazu braucht es auch respiratorische Parameter wie den respiratorischen Quotienten und das Atemäquivalent. Aber das Wichtigste bei der Leistungsdiagnostik ist, dass ich jemanden wirklich ausbelaste, damit man seine maximale Herzfrequenz und seine maximale Wattleistung weiß. Das bedingt natürlich die volle Motivation des Probanden. Sonst macht der Test keinen Sinn. Man kann nicht von einer submaximalen Belastung auf die Leistungsfähigkeit schließen. Eine solche unsinnige Testanordnung gibt es zum Beispiel im Rahmen der Aufnahmeprüfung der Polizeischule. TR: Du gehst also nach der Pulskurve? Kurt Moosburger: Ich gehe nach der Herzfrequenzkurve und der Wattleistung und setze beide in Relation. Aber nicht wie Conconi, davon halte ich nichts. Außerdem beobachte ich die Atmung. Eigentlich kann jeder seine anaerobe Schwelle relativ gut selbst erkennen, indem er einmal beim Ausdauertraining die Belastungsintensität nach und nach steigert und dabei seine Atmung beobachtet. Die Atemzüge werden natürlich tiefer werden, aber bei einer bestimmten Belastung steigt dann plötzlich auch die Atemfrequenz. Das heißt, man atmet dann nicht nur tief durch den Mund, sondern auch deutlich schneller. Diese Hyperventilation ist Zeichen dafür, dass der Körper versucht, die metabolische Azidose, die durch die Milchsäurebildung in der belasteten Muskulatur bedingt ist, respiratorisch zu kompensieren, indem durch eine forcierte Atmung mehr Kohlendioxid abgeatmet wird. Ich habe meine eigene, ganz simple Methode, um den Trainingsbereich für die Grundlagenausdauer festzulegen, denn darum geht es eigentlich. Ab welcher Belastungsintensität wird ein Training wirksam, und wo liegt mein aerob-anaerober Schwellenbereich, obwohl auch das ein fließender Übergang ist. Bei einem Profisportler, der regelmäßig seine Tests hat, ist eine Laktatmessung OK, aber bei einem Breitensportler kann schon eine Fehlmessung bzw. eine falsche Interpretation der Laktatwerte das gesamte Training auf die falsche Fährte bringen. Dazu kommen noch unsinnige Aussagen in Büchern, die leider von vielen gelesen werden, wie zum Beispiel das „Hermann Maier Trainingsbuch“. Es wird immer wieder behauptet, dass Breitensportler zu intensiv trainieren. Ich sage, dass viele Hobbyradler die meiste Zeit nur spazieren fahren und sich häufig nicht wirklich effizient belasten. TR: Das heißt, vom berühmten Fettverbrennungspuls hältst du nichts? Kurt Moosburger: Nein, erstens, weil es einen solchen gar nicht gibt, und zweitens, weil dieser Begriff zum weit verbreiteten Fehlverständnis geführt hat, dass die Fettverbrennung während des Trainings eine Bedeutung hätte, wenn es um’s „Abspecken“ geht. Das ist natürlich Unsinn, denn dafür ist nur eine negative Energiebilanz entscheidend. Mehr Information dazu gibt es auf meiner Homepage. Der ominöse „Fettverbrennungspuls“ ist also ein Mythos. Was es vielmehr gibt, ist der so genannte Fettstoffwechselbereich, der im Langzeitausdauersport speziell trainiert wird, um die muskuläre Energiebereitstellung zu ökonomisieren – also das sogenannte Fettstoffwechsltraining. Das entspricht dem extensiven Grundlagenausdauertraining (GA1). Dabei werden aber nicht nur Fettsäuren verbrannt, das ist biochemisch auch gar nicht möglich, sondern auch Glukose. Im optimalen Fall tragen beide jeweils zur Hälfte für die Energiegewinnung in den Muskelzellen bei, dann wird nämlich, absolut gesehen, das meiste Fett verbrannt. Der bekannte Spruch „Fette verbrennen im Feuer der Kohlenhydrate“ hat seine Berechtigung – es gibt keine effiziente Fettverbrennung ohne gleichzeitige Glukoseverbrennung. Aber nochmals: Mit einem „Abspecken“ hat das Fettstoffwechseltraining nichts zu tun! Das wollen viele nicht verstehen. Prinzipiell ist eine Pauschalierung der Trainingsherzfrequenz, zum Beispiel „trainier mit Puls 120“ Unsinn. Die Menschen haben individuell unterschiedliche Pulswerte. Außerdem ist der Fettstoffwechseltrainingsbereich nicht an eine bestimmte Herzfrequenz gebunden. Wie gesagt, ist dieser ein Belastungsbereich, in dem ich die muskuläre Energiebereitstellung unter einer gleichmäßigen Ausdauerbelastung ökonomisiere, indem die arbeitende Muskulatur lernt, mehr Fettsäuren zu verbrennen. Dadurch kann - unter Aufrechterhaltung der Leistung - die Verbrennung von Glukose reduziert werden, und damit wird der muskuläre Glykogenspeicher, also der in den Muskelzellen gespeicherte Traubenzucker, der ja limitiert und deswegen wertvoll ist, geschont, sprich, er wird nicht so schnell aufgebraucht. Bei einer langen Tour muss ich darauf achten, dass ich meine Glykogenspeicher in der Beinmuskulatur nicht vorzeitig leere, sonst muss ich zwangsläufig früher oder später mit einer Leistungseinbuße rechnen. Ich muss also meine Belastung dosieren und meinem Trainingszustand anpassen. Wichtig ist natürlich auch eine regelmäßige Zuckerzufuhr in Form eines Getränks, vor allem um den kleinen Glykogenspeicher der Leber zu speisen, der für den Blutzuckerspiegel verantwortlich ist. Das Gehirn „lebt“ ausschließlich von Glukose, und auch die Muskulatur verwertet einen kleinen Teil des Blutzuckers. Ein „Unterzucker“ würde sich nicht nur negativ auf die Motivation auswirken, sondern letztlich zum „Hungerast“ und damit Leistungseinbruch führen. Ein „Nüchterntraining“, das immer wieder empfohlen wird, bewirkt jedenfalls kein effizienteres Training des muskulären Fettstoffwechsel, im Gegenteil. Als Langzeitausdauersportler braucht man lange, extensive Trainingseinheiten, Inntal auf und ab, ob das bei Puls 120 oder 150 erfolgt, ist individuell. Der optimale Belastungsbereich für ein Fettstoffwechseltraining liegt bei einer Belastungsintensität von durchschnittlich 65% der VO2max, bei Untrainierten niedriger, bei bereits gut Trainierten höher. Das entspricht bei den meisten einer Herzfrequenz zwischen 70 und 80% der maximalen HF. Die gängige Empfehlung von 60% der max. HF ist kontraproduktiv, weil zu niedrig angesetzt. Das entspricht dem Kompensationsbereich, und der ist ja nicht trainingswirksam im Sinne einer Steigerung der Ausdauerleistungsfähigkeit. TR: Angenommen jemand macht 195 Puls bei einem Test? Kurt Moosburger: Dann trainiert er seinen muskulären Fettstoffwechsel in einem Bereich zwischen 136 und 156 Puls. Das ist der Bereich des extensiven Grundlagenausdauer-Trainings, 120 wäre in diesem Fall Kompensation und Regeneration. Damit wird das Leistungsniveau stabilisiert, aber nicht gesteigert. Ich höre von Leuten, die 10.000 km pro Jahr fahren und dann nicht viel mehr als 300 Watt schaffen. TR: Prozentuell, wieviel sollte sich das Training im Fettstoffwechselbereich abspielen? Kurt Moosburger: Nicht so viel, wie immer wieder propagiert wird. Mir kommt oft vor, dass Trainingsansichten verstaubt sind. Aussagen, die immer und immer wieder getätigt werden, werden dadurch nicht „richtiger“. 80-90% G1 Training sind nach meiner Erfahrung nach vergeudete Zeit, zumindest im Breitensport. Solange man sich im Grundlagenausdauer-Bereich bewegt, und der ist nicht nur auf den G1-Bereich beschränkt, sondern reicht - das vergessen viele - bis an die anaerobe Schwelle, trainiert man auch den muskulären Fettstoffwechsel immer mit. Aerob werden immer Fettsäuren zusammen mit Glukose verbrannt, nur bei hochintensiver Ausdauerbelastung, also z.B. bei einem Schwellentraining, wird nur mehr Glukose zur muskulären Energiebereitstellung herangezogen. Mehr Information dazu auf meiner Homepage. TR: Wenn ich also G1 und G2 Training mische, zerstöre ich nicht den Trainingseffekt der Zeit in G1? Kurt Moosburger: Nein, natürlich nicht. Im Gegenteil, beide sind notwendig und ergänzen sich. Intensive Ausdauereinheiten sind als Sportherztraining wichtig, um das Herzminutenvolumen zu steigern, und damit die VO2max. TR: Wenn ich in eine G1 Einheit ein paar intensivere Intervalle einstreue? Kurt Moosburger: Das wäre dann kein G1-Training im eigentlichen Sinn mehr, sondern ein Intervalltraining. Wenn die Grundlage gut entwickelt ist, profitiert man sehr davon, nicht nur als Profi, sondern auch als Hobbysportler. TR: Gute Sportler sollten sich also immer mal wieder an die Schwelle herantasten und drüber gehen? Kurt Moosburger: Richtig. Das dürfen auch die Nicht-Profis. Der sogenannte Entwicklungsbereich sollte kein Tabu für sie sein. Rennfahrer haben am Wochenende bei den Rennen sowieso ihre intensiven Einheiten im Entwicklungsbereich und ihre intensiven Intervallbelastungen. Die müssen unter der Woche regenerieren. Hobbysportler können ruhig 2 x unter der Woche richtig Gas geben. TR: Wie schaut ein Trainingszyklus übers Jahr gesehen aus? Die Topform kann man nicht ewig halten.... Kurt Moosburger: Stimmt, man muss mit Hirn trainieren und die Form gezielt aufbauen. Dafür sind natürlich auch intensive Einheiten notwendig. Beispiel Jan Ullrich: Der war jedes Jahr zu Saisonbeginn ein übergewichtiger Mitläufer und hatte immer rechtzeitig zur Tour seine Topform. Die Form kann man nicht das ganze Jahr auf dem Top-Level halten. Spitzenathleten periodisieren sehr stark auf wichtige Wettbewerbe hin, Armstrong z.B. nur auf die Tour. Du kannst nicht von Frühling bis Herbst auf höchstem Niveau fahren. Als Hobbysportler, wenn du nicht diese hohen Umfänge hast, kann man sich im Winter mit Ergometertraining schön aufbauen. Im März gehst du dann aufs Rad und kannst deine Form schön bis Herbst halten. Im Profisport macht eine Periodisierung Sinn, im Hobbysport geht es darum, einen gewissen Fitnesslevel zu halten und – je nach Ehrgeiz – zu verbessern. Aber gerade überehrgeizige Hobbysportler muss man auf den Boden der Realität herunterholen, wenn sie glauben, sie könnten oder müssten jedes Jahr noch besser werden. TR: Wenn man unter der Saison Rennen fährt, wie sehr muss man seinem Körper dann Zeit zur Regeneration geben? Kurt Moosburger: Wenn du Samstag / Sonntag und manchmal auch schon am Freitag Rennen fährst, bei denen du ohnehin oft genug im roten Bereich bist, macht es keinen Sinn, auch unter der Woche im roten Bereich zu fahren. Die Regeneration ist ganz wichtig, wer sich nicht ausreichend Zeit dafür gönnt, landet in absehbarer Zeit im Übertraining (Auch dazu gibt es nähere Info auf meiner Homepage). TR: Auch wenn es nur kurze Rennen sind? Kurt Moosburger: Wenn es nur kurze Belastungen sind, kannst du unter der Woche sicher auch einmal ein Intervall- oder Schwellentraining und ein intensiveres Fahrtspiel machen. Eine Stunde Belastung ist es natürlich etwas anders, als wenn du den Ötztaler gefahren bist. TR: Wie schaut die Regeneration von einem Radmarathon aus? Es gab ja mal das Gerücht, dass eine lange Belastung unweigerlich Schäden nach sich zieht. Kurt Moosburger: Es werden hier zwar gewisse Herzmuskelenzyme frei, das bedeutet aber nicht, dass Herzmuskelgewebe zerstört wird. Dies ist ein Zeichen einer intensiven Belastung, niemand muss aber Angst haben, dass er sich hier bleibende Schäden holt. Jeder Hobbyfahrer ist ohnehin froh, wenn er danach mal eine Woche nicht aufs Rad steigen muss. Hier sieht man aber einmal, wie intensiv die Belastung bei einem Profi ist, der sich bei einer Tour oder einem Giro jeden Tag ausbelastet. Und dann kann man vielleicht auch verstehen, warum hier nachgeholfen wird. TR: Du sprichst vom Nachhelfen. Gibt´s das deiner Meinung nach im Hobbybereich auch schon? Kurt Moosburger: Natürlich. Das ist gar keine Frage. Es gibt auch auf dem Hobbysektor sehr ehrgeizige Sportler, die vom Trainingsumfang und der Leistung her den Profis nicht weit hinterher hinken. Man ist blauäugig, wenn man glaubt, dass niemand nachhilft. Wer es sich leisten kann, mit Erythropoietin (EPO), Insulin und dem Wachstumshormon (HGH). Ich kenne einige, die sagen, warum nicht? Man muss leider feststellen, dass auch der Amateursport nicht sauber ist. TR: Deiner Meinung nach, warum machen das Leute, die nicht Ihr Brot damit verdienen? Kurt Moosburger: Weil sie überehrgeizig sind. Man versucht, noch ein paar Prozent Leistung herauszuholen. Manche glauben auch, dadurch weniger trainieren zu müssen. Das ist aber ein Trugschluss, ohne Training geht es nun einmal nicht. Auch beim Profi, der ja schon von Natur aus ein Auserwählter ist. Es ist zum Großteil die Genetik, die die Leistungsfähigkeit bestimmt, dazu kommt das Training, das ist auch irgendwann ausgereizt, und dann kommen noch ein paar Prozent durch gewisse unterstützende Mittel dazu. So hat man es damals in der DDR genannt. Bevor man Spitzenathleten nur auf Doping reduziert, muss man einmal anerkennen, was diese Leute im Training und im Wettkampf leisten.... Doping allein macht noch keinen Sieger aus dir. TR: Du sprichst von ein paar Prozent. Wieviel Prozent können wir uns hier vorstellen? Kurt Moosburger: Da gibt es keine Untersuchungen drüber, man spricht von ca. 5%. Das ist im Profibereich natürlich enorm. Wenn man zum Beispiel von Exprofis wie Järmann hört, dass er sich jahrelang gegen Doping mit EPO gewehrt hat, bis es ohne nicht mehr ging, weil er eben eine Familie mit seinem Sport zu ernähren hatte, und er dann statt mit 20 mit 22 km/h den Berg raufradeln konnte... Im Profibereich sind das Welten. Wenn ein ehrgeiziger Hobbysportler sich am Berg nur um 1 km/h verbessern kann, ist die Versuchung groß, das auch zu machen. Wie gesagt, Doping mit EPO ist teuer, aber wer es sich leisten kann... Blutdoping ist von der Logistik her schwierig, machbar ist es leicht. Man braucht ein Labor mit der entsprechenden Aufarbeitung und Lagerungsmöglichkeit des Blutbeutels bzw. des Erythrozytenkonzentrats bis unmittelbar vor dem Rennen bzw. der Rundfahrt. Aber vom Handling her ist es leicht – jeder, der mit einer Nadel in eine Vene trifft, kann Blut abnehmen und wieder rücktransfundieren. Seit EPO nachweisbar ist, sind viele Profis wieder auf Blutdoping umgestiegen. TR: Kommen Leute auch zu Dir mit dem Wunsch, sich zu dopen? Kurt Moosburger: Es sind auch schon welche zu mir gekommen. Wünsche erfülle ich keine, aufklären tu ich schon, und zwar über die möglichen Nebenwirkungen und gesundheitlichen Gefahren. Nicht, wie dopst du am besten, sondern was kann passieren. Der Großteil hier passiert aber nicht im Ausdauerbereich, sondern in der Muckibude. Die Betroffenen sind unverbesserlich, hier muss ich aufklären, weil die sich sonst umbringen mit der chemischen Keule, die sie schwingen. Da kommen teilweise Megadosen von anabolen Steroiden zur Anwendung, und zwar gleich von mehreren gleichzeitig. Über Telefon und Email bekomm ich hin und wieder Anfragen, hier lehne ich natürlich ab. TR: Du hast den Preis erwähnt. Wenn ich im Sommer fit sein will, sagen wir mal durch EPO, womit muss ich rechnen. Kurt Moosburger: HGH und EPO sind gleich teuer. Kommt natürlich drauf an, wieviel du spritzt. Für eine Monatsration sozusagen musst du schon mit ca. 1000 € rechnen. Drunter wird es sich kaum lohnen. Ich schau dir mal kurz nach. Das Wachstumshormon… das ist das STH, somatotropes Hormon oder Somatotropin genannt, auf englisch heißt es HGH (human growth hormone), fälschlicherweise hört und liest man immer Wachstumshormone, weil man offensichtlich das englische „hormone“ in die deutsche Mehrzahl übersetzt. Es gibt mehrere Firmen, die es erzeugen, so wie bei EPO. HGH gibtes als fertige Spritzampullen oder Trockenstechampullen. 12 mg kosten 3000 €, da müsste man sich jetzt die Einheiten ausrechnen. Eine geringe Dosis wären nicht mehr als 2 Einheiten täglich. Schauen wir mal bei Erypo nach, ganz offiziell, Stechampullen, 6 Ampullen à 1000 Einheiten, damals 110 €, jetzt wahrscheinlich 140 €. Sagen wir mal, du spritzt 1000 Einheiten 3 mal pro Woche, dann kommst damit 2 Wochen aus, das wären ca. 300 € im Monat. Das ist aber wirklich nur eine sehr kleine Dosis, die höchstens der Erhaltung des angehobenen Hämatokrits dient. TR: Du ziehst hier ein Buch aus der Schublade.... Kurt Moosburger: Das ist der übliche Medikamentenkodex, am Schwarzmarkt wird es gleich gehandelt. Die Leute gehen in die Apotheke....ein Rezept schreibt üblicherweise niemand. Es gab mal einen Kollegen im Unterland, aber der wurde dann vors Gericht gebracht. Es gibt Leute, die kaufen EPO und HGH in Apotheken ohne Rezept. Frag mich nicht, wie es funktioniert, aber es funktioniert. Über der Grenze in Südtirol geht es anscheinend leichter, aber auch bei uns, wenn du jemand kennst in einer Apotheke…. Ich sage nur, was die Leute mir erzählen. Wenn du es kriegen willst, kriegst du es. Die Schwarzmarktpreise sind ziemlich identisch mit den Apothekerpreisen. Es gibt auch sportlich überehrgeizige Kollegen von mir, die an Radrennen teilnehmen, nicht nur an Ärztemeisterschaften, und zugeben – aber natürlich nicht öffentlich: Ja klar spritz ich mir EPO. Ich kenne auch muskelsüchtige Ärzte, die Anabolika konsumieren. TR: Aber gerade Ärzte müssten doch vernunftgesteuert sein. Kurt Moosburger: Stimmt, das sollten sie. Aber sie sind auch nur Menschen mit Schwächen wie jeder andere sie hat. Man muss aber sagen: Wenn du vernünftig dosierst, sprich geringe Dosen verwendest, die quasi physiologisch sind, wird nichts Gesundheitsschädigendes passieren. Wenn du jedoch, wie im Bodybuildingbereich üblich, 5 bis 10 mal höhere Dosen von Testosteron und weiteren anabolen Steroiden spritzt, schaut es anders aus. Bei nur 1000 bis 2000 Einheiten EPO ab und zu sind keine nachteiligen Auswirkungen auf die Gesundheit zu erwarten. Es ist ja ein körpereigenes Hormon das die Bildung der roten Blutkörperchen im Knochenmark anregt, und deswegen in der Medizin zur Therapie gewisser Formen der Anämie zur Anwendung kommt. TR: Aus Sicht der Gesundheit also unbedenklich? Kurt Moosburger: EPO, HGH und Insulin sind körpereigene Hormone. Wenn du sie mit Hirn dosierst, sind zunächst einmal keine nachteiligen Auswirkungen auf die Gesundheit zu erwarten. Wenn du Insulin überdosierst oder nicht entsprechend dazu isst, riskierst du einen Abfall des Blutzuckerspiegels, der fatal sein kann. Wenn du HGH über längere Zeit überdosierst, wird sich dein Äußeres im Sinne einer Akromegalie verändern und möglicherweise der Herzmuskel geschädigt. Wenn du EPO überdosierst, dann kann es passieren, dass der Hämatokritwert - darunter versteht man den Anteil der Blutkörperchen am Gesamtblut - so hoch ansteigt, dass du tot vom Rad fällst, weil das Blut zu dick wird und die rechte Herzkammer als Pumpe versagt. Auch in der Medizin gibt es Patienten, die einen Hämatokrit über 50% haben, meist sind es langjährige Raucher mit chronischer Bronchitis und Emphysem. Da sind dann Aderlässe angesagt. Ein gesunder Mensch hat in der Regel nicht über 50%. TR: Ein chronischer Raucher? Kurt Moosburger: Die haben, vereinfacht ausgedrückt, eine chronische Sauerstoffarmut im Blut, der Körper produziert also als Gegenmaßnahme einfach mehr rote Blutkörperchen als Sauerstoffträger. In der Regel haben Ausdauersportler einen Hämatokrit von 40 - 44%. Selten gibt es hohe Werte von Natur aus. Die meisten, die Werte um die 47, 48 % haben, haben nachgeholfen. TR: Und mit einer Wachstumshormonkur? Kurt Moosburger: Das wird im Ausdauersport niedrigdosiert zur schnelleren Regeneration nach intensiven Belastungen verwendet, meist mit einer geringen Dosis von Insulin und oft auch einer kleinen Dosis Testosteron. Im Bodybuilding hingegen kommt es – wie alles andere auch - hochdosiert zur Anwendung. Hier kommt es dann auch zu typischen Veränderungen des Körpers. Kennst du diesen russischen Boxer? Walujew. Der schaut doch ein bisschen wie ein Primat aus – Kinn, Nase, Augenbrauen- und Jochbeinbögen, alles zu groß. Der hat – auch wenn die Medien nie etwas darüber verlauten haben lassen – ziemlich sicher einen gutartigen Tumor in der Hypophyse (Hirnanhangsdrüse), ein sogenanntes Adenom, das Wachstumshormon produziert. Eigentlich gehörte das operiert. Ich fürchte, Walujew wird nicht sehr alt werden. HGH ist eines von mehreren Hormonen, die in der Hirnanhangsdrüse produziert werden, wichtig in der Kindheit und Jugend, bis du ausgewachsen bist. Normalerweise reduziert die Hypophyse dann die HGH-Produktion. Ein wenig aktiv ist es noch bis ca. zum 60. Lebensjahr, es regelt dann das Verhältnis von Muskel- und Fettmasse im Körper. Wenn die Wachstumsfugen geschlossen sind und es wird noch immer stark produziert, weil in der Hypophyse ein HGH-produzierender Tumor besteht, wachsen Finger, Kinn, Nase usw., alle Körperenden sozusagen. Auch die Zunge und innere Organe können größer werden. Du selbst wirst nicht mehr größer, sondern knorriger. Das gleiche passiert, wenn man hochdosiertes HGH-Doping betreibt. Weiters kann es, wie schon erwähnt, zu einer Herzmuskelschädigung kommen, die nicht mehr reparabel ist und tödlich enden kann. Wenn du das Wachstumshormon aber niedrig dosierst, auch in Verbindung mit einer kleinen Dosis Testosteron und/oder Insulin, beides auch körpereigene Hormone, sind keine nachteiligen Auswirkungen auf die Gesundheit zu erwarten. In der Medizin werden diese Hormone ja auch eingesetzt. Im Ausdauersport sind die Dosen, die verwendet werden, wirklich gering, man kann sagen, physiologisch. Hier geht es ja nur um die Unterstützung der Regeneration. TR: Wenn man dir also zuhört, dann sind die Ausdauersportler ja harmlos im Gegensatz zu den Kraftsportlern. Kurt Moosburger: Relativ harmlos, ja, zumindest was die anabolen Präparate betrifft. Was der Ausdauersportler zusätzlich macht, ist EPO- und Blutdoping. Aber auch das ist, wenn es vernünftig und mit den entsprechenden Kontrollen durchgeführt wird, so dass der Hämatokritwert nicht über 50% ansteigt, ohne unmittelbares Gesundheitsrisiko verbunden. Das wird ja auch in der Medizin bei Anämiepatienten gemacht. Beim Bodybuilder schaut’s anders aus, wenn der nach dem Training z.B. 16 Einheiten Insulin spritzt, meist kombiniert mit einer nicht so geringen Dosis HGH, hier wird ja ein Muskelwachstum um jeden Preis angestrebt .... Insulin ist ja, das scheinen viele nicht zu wissen, ein starkes anaboles Hormon, das nicht nur Glukose, sondern auch Aminosäuren in die Muskelzelle schleust. Radprofis verwenden das auch . Die fahren bei der Tour 3 bis 4 Pässe, sind danach leer und haben nicht einmal einen ganzen Tag Zeit, um die Muskelzellen wieder mit Glykogen zu füllen und den eiweißkatabolen Zustand zu beheben. Was machst du? Essen, essen, essen, das ist klar. Aber die muskuläre Regeneration ist noch effizienter, wenn man mit einer geringen Dosis Insulin, HGH und Testosteron nachhilft. Im Kraftsportbereich nimmt man allerdings alles mal 10, das ist dann natürlich nicht mehr gesund. TR: Selbst mal den Selbstversuch gewagt? Kurt Moosburger: Nein. Mich haben mal Bodybuilder drauf angesprochen, du hast doch auch..... aber bitte. Ich weiß, dass ich eine gute Genetik habe und hätte gerade auf die anabolen Substanzen gut angesprochen, aber...(lacht) ich leide nicht unter einem Adonis-Komplex. Erst recht nicht jetzt mit 48 Jahren. Dabei ist die Anti Aging-Welle heute voll im Trend. Ich lehne das total ab. Es wird propagiert, so quasi, ab einem bestimmten Alter brauchst du HGH und Testosteron zum erfolgreichen Mannsein.... Das hat ja auch Silvester Stallone von sich gegeben, als man am Flughafen in seinem Koffer einen Haufen HGH- und Testosteronampullen gefunden hat. Naja, das gehört halt zum Beruf eines Schauspielers dazu, der ein bestimmtes Rollenbild verkörpern muss. Nicht nur Schauspieler, auch Unterhosen-Models und manche Pop-Stars verwenden regelmäßig Testosteron und HGH. Es gibt leider auch Mediziner, die vermeintliche „Jungbrunnenkuren“ mit diesen Hormonen verschreiben. Es bringt natürlich schon was für die Figur und die Leistungsfähigkeit, aber ich sehe darin ein ethisches Problem. Außerdem - wenn kein nachgewiesener Hormonmangel vorliegt, besteht aus medizinischer Sicht kein Grund, diese Hormone zu spritzen. Wenn jemand Hodenkrebs hat, und beide Hoden operativ entfernt werden müssen, ist das was ganz anderes. Dann muss man natürlich Testosteron von außen zuführen, um den Hormonmangel auszugleichen. Das nennt man Substitution. Aber ohne Mangel? Genau das passiert aber in der Anti Aging-Bewegung, leichter abspecken, leichter Muskelmasse aufbauen. Ich lehne das ab. Man muss den physiologischen Alterungsprozess akzeptieren. Wer das nicht kann, hat ein Problem. Aber das löst er auch nicht, indem er Hormone spritzt, sondern besser mit einer Psychotherapie. TR: Bleiben wir bei den Ethics. Es gibt ja die Intention, einfach alles freizugeben. Wie stehst du dazu? Kurt Moosburger: Man würde sich viel Geld für die Tests sparen. Auf HGH wird ja auch kaum geprüft, weil es aufwändig und teuer ist. Man kann davon ausgehen, dass im Spitzensport flächendeckend gedopt wird und alle das gleiche machen, also könnte man sagen, es gewinnt eh wieder der Beste. Aber aus ethischer Sicht her kann man es nicht machen. Stell dir vor, die Doping-Chancengleichheit wäre gewahrt, wir sparen uns Geld, jeder sollte wissen, was er mit seinem Körper macht. Die Vorbildwirkung wäre aber fatal. Stell dir vor, dein Sohn ist ein talentierter Radfahrer, will Profi werden und du möchtest ihm das ermöglichen, weißt aber, dass er zwangsläufig in die Doping-Szene hineinschlittern würde… also ich würde das jedenfalls nicht wollen. TR: Obwohl du doch vorher gesagt hast, dass es eigentlich ungefährlich ist.... Kurt Moosburger: Es geht weniger um die medizinische als vielmehr um die ethische Problematik. Aus rein medizinischer Sicht habe ich weniger Bedenken. Ich habe auch ein Problem bei den Schwimmern mit ihrem Material. Man weiß, dass ein Schwimmer mit dem Speedo-Anzug besser im Wasser liegt als mit Anzügen anderer Firmen, und damit eben schneller schwimmt. Deshalb würde ich sagen: alle ab in die Badehose, damit Chancengleichheit besteht. Sobald aber einer den Speedoanzug auspackt..... Chancengleichheit ist mir ein großes Anliegen. Aber Chancengleichheit durch „alle sollen gleich dopen“ bringt einen in die Teufelsküche. Im Spitzensport geht es um viel Geld, alle werden medizinisch kontrolliert oder kontrollieren sich selber. Unsere Skilangläufer und Biathleten haben sich in Turin selbst den Hämatokritwert gemessen, dreimal darfst du raten, was das bedeutet… Bei Radprofis ist das auch selbstverständlich. Im Hobbybereich ist das eben nicht so. Ich sehe hier das medizinische Problem viel größer, vor allem, weil hier einige Spinner gern über die Stränge schlagen – ohne sich medizinisch kontrollieren zu lassen - Stichwort “Muckibude“. TR: Wäre der Hobbysportler so vernünftig und würde seine Dosen einhalten, was er aber eben nicht macht, wäre es kein Thema? Kurt Moosburger: Aus rein medizinischer Sicht müsste man kein Theater draus machen. Doping ist im Grunde genommen ein ethisches Problem, Betrug am Sport und an mir selber, ich bringe nicht die Leistung, die ich auf Grund meiner genetischen Veranlagung und meines Trainings bringen kann. Jeder hat leistungsmäßig einen Anfang und ein Ende, je nach genetischer Veranlagung und Trainingsfleiß wird er einen bestimmten Level erreichen. Und dass dann nicht noch mehr drin ist, können viele nicht akzeptieren. TR: Ist Talent also nicht auch unfair? Kurt Moosburger: Nein, weil man das nicht manipulieren kann. Talent hat man oder eben nicht, die individuelle genetische Ausstattung ist die Mitgift von Mutter Natur. Das sog. Talent - egal, in welchem Bereich - ist also angeboren. Dann kommt es darauf an, was man daraus macht. Die Leistungsfähigkeit ist zu 60 bis 70% genetisch determiniert und kann durch Training noch zu einem gewissen Grad gesteigert werden – aber nicht um so viel, wie manche glauben. Wenn jemand kurze Beine und einen langen Oberkörper hat wie Michael Phelps, ist er vom Körperbau her der geborene Schwimmer - aber ein Spitzenschwimmer wird er nur, wenn er neben der optimalen Biomechanik auch eine hohe maximale Sauerstoffaufnahme (VO2max) hat . Spitzen-Ausdauerathleten wie Radprofis haben von Natur aus eine VO2 max von circa 60 ml pro kg und Minute, Werte wie sie Hobbysportler nur mit viel Training erreichen. Das ist aber die Voraussetzung, um durch viel Training die VO2max auf 80-85 ml zu erhöhen und dann mit der internationalen Spitze mithalten zu können..... eben ein Geschenk der Natur. Wenn ich diese hohe Sauerstoffausnahme habe, liegt es an mir, was draus zu machen. Triathlon zum Beispiel. Es verlangt eine große Disziplin, drei Ausdauerdisziplinen zu trainieren, das benötigt sehr hohe Trainingsumfänge. Es liegt an mir, diese Vorgaben zu erfüllen. Freilich ist es nicht gerecht von Mutter Natur, nur wenige Menschen auf der Welt mit einem so großen Leistungspotenzial auszustatten, dass sie Weltklasse werden können, aber das ist eben so und viele, auch Trainer, wollen nicht verstehen, dass wenn man unten anfängt, man nie oben heraus kommen kann, sondern nur irgendwo in der Mitte. Wenn ich mich die Hinterhorner in 35 Minuten hinauf plage, werde ich sie nie in 22 schaffen. Viel zu wenig Leute sind sich bewusst, wie viel das angeborene Potenzial von der Leistung ausmacht. Nicht jeder, der gleich viel trainiert, kann gleich gut werden. TR: Frage dazu: Du hast Herbert Meneweger betreut. Braucht man im Ultrabereich das Talent mehr im physischen oder mehr im psychischen Bereich. Kurt Moosburger: Gute Frage. Beides, aber noch mehr im psychischen Bereich. TR: Wolfgang Fasching war ja anscheinend auch nicht ultratalentiert, hat bei den Amateurrennen nicht gerade geglänzt.... Kurt Moosburger: Fasching war als Elitefahrer nie vorne dabei, Herbert schon, er ist auch im Nationalteam gefahren und hat auch internationale Rennen und Rundfahrten wie die Wilhelm Tell Rundfahrt bestritten, die hatte damals einen hohen Stellenwert im Amateurradsport. Er war von der Physis her der stärkere als Fasching. Aber der ist eben mental unglaublich stark, der Stärkste im Ultracycling. Beim RAAM geht es in erster Linie um die mentale Stärke. Ich schlaf jetzt eine Dreiviertelstunde und dann hebt ihr mich wieder auf’s Rad, ob ich will oder nicht. Fasching war in diesem Punkt knallhart. Wer weniger schläft, ist früher im Ziel. Herbert hat nach dem RAAM 1999 ein tolles Buch geschrieben, „…und bewege ich mich, so komme ich weiter…“. Die ganze Nacht durchfahren, das Alleinsein, auch wenn dein Betreuerteam hinter dir fährt, da musst du schon stark im Kopf sein. Das Mentale steht im Vordergrund, die nötige Grundlagenausdauer ist sowieso Voraussetzung. Beim RAAM musst du nicht mit Spitzenwerten dahinblasen, das braucht es nicht, dafür musst du es schaffen, 20 Stunden und länger mit 200 und teilweise mehr Watt dahinzufahren. Herbert ist einmal 37 Stunden ohne Schlafpause durchgefahren, das muss man erst einmal schaffen. Du fährst ewig geradeaus, wie gegen eine Wand. Der Schlafentzug kann dich auch deppert machen und eine Psychose auslösen. Schlafentzug ja auch eine Foltermethode. Darüber hab ich mir bei Herbert die größten Sorgen gemacht, physisch war er ja in Top-Form. Er ist 320 Watt bei 2,1 mmol Laktat gefahren.... 2000 hat er die Silberreiher-Trophy gewonnen, das ist ein 24 Stunden-Rennen, als Einzelfahrer mit einem Schnitt von 40 km/h. Er konnte als einziger Einzelfahrer mit dem stärksten Viererteam mithalten. Er war so stark, dass ich ihm gesagt habe, dass er die theoretisch mögliche Intensität beim RAAM nicht fahren könne, weil er dann mit der Energiezufuhr nicht mehr nachkommen würde - 22.000 kcal sind unmöglich, auch nicht mit der beim RAAM üblichen Ernährung mittels hochkalorischer Trinknahrung. TR: Wie stehst du generell zu Nahrungsmittelergänzungen? Kurt Moosburger: Sie sind überflüssig, auch im Leistungssport. Die Bewerbung von Nahrungsergänzungsmitteln, die aufdringlich und oft sogar aggressiv gehandhabt wird, entbehrt nicht nur einer wissenschaftlichen, sondern auch einer rationellen Grundlage. Es gibt keinen Nährstoff, dessen Bedarf überproportional zum Energiebedarf ansteigt. Das sollte man wissen und sich nicht von vermeintlichen Experten zum Mangelwesen degradieren lassen. Das einzige, was ein bisschen was bringt, aber auch nur für Sprinter, ist Kreatin. Im Grunde ist das Marketing der Nahrungsmittelergänzung als ökonomischer Betrug zu werten. TR: Wie wirkt sich Kreatin aus? Kurt Moosburger:
Es erhöht - aber nur zu einem gewissen Grad - den Kreatinphosphatgehalt
der Muskelzelle, aber das bringt nur einen kleinen Vorteil bei Höchstleistungen
bis maximal 20 Sekunden, also z.B. im 200 m-Sprint. Bei Ausdauersportlern
bringt es nichts, die leben von Fettsäuren und Traubenzucker. Außerdem
wäre die Kreatin-bedingte Gewichtszunahme von ca. 2 kg aufgrund der
vermehrten Wasserspeicherung in den Muskelzellen im Ausdauersport kontraproduktiv.
Kreatin für den Radfahrer halte ich also für entbehrlich, nur
die Sprinter und Bahnfahrer können davon profitieren – aber
nur ein bisschen. TR: Was sagst du zu Eiweißzugabe. Wie hoch ist hier der Eiweißbedarf für den Ausdauersportler? Kurt Moosburger: Der Proteinbedarf wird im Kraftbereich generell überschätzt und im Ausdauersport oft unterschätzt. Im Ausdauerbereich hast du im Grunde einen höheren Bedarf als im Kraftsport, weil du bei intensiven Belastungen auch ein paar Prozent Aminosäuren verbrennst. Im Kraftsport können die bei Belastung freigesetzten Aminosäuren großteils wiederverwertet werden. Natürlich wird der Proteinbedarf aufs Körpergewicht bezogen, und das relativiert wieder einiges. Mehr als 1.5 - 1.8 g pro kg Körpergewicht ist unnötig. 0.7 g ist der Bedarf für einen nicht sportlich aktiven Menschen. Wenn jemand trainiert, reichen 1-1.2 g, damit kommst du auch im Kraftbereich über die Runden. Im Hochleistungsbereich solltest du schon 1.5-1.8 g zuführen, das ergibt sich aber eh schon allein aus der höheren Energiezufuhr. Bei 60 kg Körpermasse ist das in absoluten Zahlen nicht viel, 100 Gramm schafft man locker mit normaler Nahrung. Vernünftige Ernährung ist das A und O. Ganz wichtig ist es, gleich nach dem Training oder Wettkampf ausreichend Kohlenhydrate und Proteine zuzuführen, also am besten in den ersten 1-2 Stunden nach dem Training ordentlich zu essen. Das kann ruhig die Hauptmahlzeit des Tages sein, egal zu welcher Tageszeit. Der unmittelbare Zeitraum nach dem Training ist der wichtigste des Tages für die Energiezufuhr. So gut man nach einem Training isst, so gut ist man beim nächsten Training. Wenn ich höre, dass jemand 4 Stunden radeln geht und dann nur noch Wasser trinkt, braucht er sich nicht zu wundern, wenn er am nächsten Tag keine guten Beine hat. TR: Vom klassischen Aushungern hältst du also nichts? Kurt Moosburger: Welchen Sinn soll das haben? Du meinst, wenn jemand abspecken möchte? Da passiert das gleiche wie beim Fasten, das ist auch unsinnig und alles andere als empfehlenswert. Der Körper wird zwar auf die Fettreserven zurückgreifen, aber er wird auch Muskelsubstanz abbauen – und das ist natürlich schlecht. Du willst ja durchs Training besser werden, aber das wirst du nicht, wenn du die belastete Muskulatur aushungerst. Im Gegenteil, du wirst schwächer werden, weil du in kurzer Zeit ausbrennst. Wenn du nach dem Training nicht oder zu wenig isst, holst du aus dem Training nicht soviel heraus, wie du könntest. Nach dem Training soll man ausreichend essen. Keinen fetten Schweinsbraten, aber eine kohlenhydrat- und proteinbetonte Mahlzeit, um für eine effiziente Insulinausschüttung zu sorgen und damit Traubenzucker und Aminosäuren wieder in die Muskelzellen einzuschleusen. Bevor es zur Superkompensation kommen kann, muss zuerst die Kompensation erfolgen, sonst kommt es zum Übertraining. Wenn jemand durch Sport abspecken will, was sicherlich sinnvoller ist, als irgendwelche Diäten zu machen, soll auch er natürlich nach dem Training essen, damit er wieder fit genug für die nächste Trainingseinheit ist. Nur so hat man was vom regelmäßigen Training. Dafür kann er im sonstigen Tagesverlauf weniger essen, wenn er bei der Kalorienzufuhr einsparen möchte. Es wäre schlauer, vor dem Training weniger zu essen und dafür danach mehr. Letztendlich ist für das Abnehmen, besser gesagt Abspecken entscheidend, wieviel Energie man über den gesamten Tag zuführt und wie viel Energie man verbraucht. Nur wenn die Energiebilanz negativ ist, wird der Körperfettanteil reduziert. Du darfst auch um 10 am Abend essen, für die Energiebilanz spielt es keine Rolle, wann Energie zugeführt wird. Auch eine Mehlspeise ist ok, es muss ja nicht immer Fleisch sein, warum kein Milchreis oder Topfenknödel zum Beispiel? Also, besser unter Tags weniger essen, als nach dem Training nichts. Ich halte auch nichts davon, nach 17 Uhr nichts mehr zu essen – Stichwort „dinner cancelling“. Auch das ist mit Missverständnissen behaftet. Das Argument ist ja, dass man dann in der Nacht während des Schlafens eine erhöhte Ausschüttung des Wachstumshormons haben soll. Das Wachstumshormon fördert bekanntlich den Fettabbau und den Muskelaufbau. Tatsache ist aber, dass die nächtliche HGH-Ausschüttung sowieso erfolgt, egal, ob man abends isst oder nicht – das ist der normale Biorhythmus dieses Hormons. Es wird weiters argumentiert, dass bei einem niedrigen Blutzuckerspiegel die Ausschüttung des Wachstumshormons höher ist. Richtig hingegen ist, dass nur ein echter „Unterzucker“ die HGH-Ausschüttung stimulieren kann, und das ist unter normalen Zuständen nie der Fall, weil der Blutzuckerspiegel auch im Nüchternzustand nicht unter ein gewisses Niveau fällt dank dem Zuckerstoffwechsel der Leber, die ständig Glukose ans Blut abgibt. Der Bluzuckerspiegel fällt nur dann in den Unterzuckerbereich ab, wenn du bei einer langen Ausdauerbelastung Zucker verbrauchst und keine Kohlenhydrate nachschiebst. Du machst Ausdauersport, belastest dich über einen längeren Zeitraum relativ intensiv und führst keine Kohlenhydrate zu, weil du auf’s Trinken vergisst - dann kommt es zum Unterzucker. Radsportler kennen das als Hungerast, und der bedeutet einen akuten Leistungseinbruch. Im Unterzucker wäre die HGH-Ausschüttung also höher, aber wie gesagt, der passiert nicht während des Schlafs. „Dinner cancelling“ ist ein Irrglaube, Unterzucker bekommst du keinen, außer du spritzt dir Insulin und isst nichts dazu. Auch wenn du am Abend trainierst und erst spät nach Hause kommst, sollst du ordentlich essen, das ist wirklich wichtig, wenn man will, dass das Training effektiv ist. TR: Nehmen wir an ein Profisportler fährt Tempo X mit 140 Puls und ein Hobbysportler fährt dasselbe Tempo mit 170 Puls, wer verbraucht dann mehr Kalorien pro Stunde? Kurt Moosburger: Wenn die geleistete Arbeit die gleiche ist, beide leisten die gleiche Wattanzahl, wiegen gleich viel und sind gleich groß, dann ist der Energieumsatz bei beiden gleich. Nur die Relation von verbrannten Fettsäuren und verbranntem Traubenzucker ist eine andere. Wobei es, wie schon gesagt, keine reine Fettverbrennung gibt, sehr wohl aber eine reine Zuckerverbrennung. Ab der anaeroben Schwelle aufwärts fährt man, ohne Fettsäuren zu verbrennen. TR: Wird nicht auch noch ein wenig Protein verbrannt? Kurt Moosburger: Ein Ausmaß von ca. 5% wird bei den intensiven Einheiten schon verbrannt. Es wird aber nicht gleich Muskelsubstanz angeknabbert, sondern vorab freie Aminosäuren aus dem Aminosäurepool verbraten. Trotzdem muss man nach dem Training auch den AS-pool wieder auffüllen, um den durch das Training induzierten katabolen Zustand zu kompensieren. Interessant ist es, dass hochausdauertrainierte Ausdauerathleten, z.B. Radprofis, in Rennphasen, in denen kein Tempo gemacht wird und die Belastung gering ist, weil sie sich im Feld mitsaugen lassen, neues Glykogen in der Arbeitsmuskulatur aufbauen können. So kann man z.B. am Beginn des zweiten Berges mehr Energie zur Verfügung haben als am Ende des ersten Berges. Es gibt genügend Hobbysportler, die beim Ötztaler am Weg ins Kühtai überdrehen und ihre Glykogenspeicher total entleeren. Das ist natürlich schlecht, lange Rennen sind immer eine Frage der Vernunft und realistischen Selbsteinschätzung. TR: Abschließend noch ein paar Tips für den Hobbysportler? Kurt Moosburger: Man soll realistisch sein, was das eigene Leistungspotenzial betrifft. Man soll wissen, dass jeder Mensch in Abhängigkeit von seiner genetischen Voraussetzung sein persönliches Limit der Leistungsfähigkeit hat. Jeder Mensch wurde von der Natur aus mit einem Talent bestückt, daraus lässt sich ableiten, was man aus seinem Training herausholen kann. Sinnvolles Training statt leerer Kilometer. Es muss sich auch jeder Sportler klar werden, ob er nur aus Gründen der Fitness trainiert, gelegentlich einen Marathon fahren will oder in den Leistungssport einsteigen will. Das Training soll Spaß machen und kein Zwang sein. Das ist eigentlich der Grundstock. Ich habe mal von jemandem gehört, dass ihm Radfahren eigentlich keinen Spaß macht und er es nur tut, um nicht zuzunehmen. Da wundert man sich dann schon. Es gibt leider viele Leute im Breitensport, die aus einem Zwang heraus trainieren. Spaß und Fitness sollen im Vordergrund stehen. Abspecken ist kein Trainingsziel im eigentlichen Sinn, sondern nur eine willkommene Nebenwirkung. Hier ist auch Geduld angesagt, langsames Abnehmen mit Hilfe des Sports ist allemal zweckmäßiger und vernünftiger, als eine Crash-Diät oder Fastenkur zu machen. Im Bodybuilding steht nur die Figur im Vordergrund, die Leistungsfähigkeit interessiert hier niemand. Es ist für mich kein Sport, wenn jemand auf einer Bühne ein paar komische Verrenkungen macht und seinen Körper zur Schau stellt, der dann subjektiv bewertet wird. Zudem ist diese fragwürdige Philosophie immer mit der chemischen Keule verbunden, die hier massiv geschwungen wird. Bei den echten Kraftsportlern geht es schon noch um Kraft und Funktion, da ist noch eine Leistung dahinter. Ich empfehle jedem Ausdauersportler ein begleitendes funktionelles Krafttraining. TR: Eher im Maximalkraftbereich oder im Kraftausdauerbereich? Kurt Moosburger: Nein, hier geht es dann schon um die Maximalkraft. Diese ist die Basis, sie bestimmt auch alle anderen Kraftqualitäten. Auch die Kraftausdauer ist eine Funktion der Kraft, nicht der Ausdauer. Wenn du die Maximalkraft steigerst, steigerst du automatisch auch das Niveau der Kraftausdauer. Zur Erklärung: Die Kraftausdauer ist die höchstmögliche Leistung über einen Zeitraum von ca. 1 Minute, sie wird mit mindestens 30, noch besser 40 Wiederholungen mit entsprechend angepasstem Widerstand trainiert. Im Radtraining wird der Begriff Kraftausdauer demnach nicht korrekt verwendet, weil damit Bergauffahrten mit großem Gang und niedriger Tretfrequenz gemeint sind. Auch das ist reines Ausdauertraining. Die Ausdauer beginnt bei einer Belastung ab 3 Minuten, das ist auch nicht allgemein bekannt. Im Winter macht das Krafttraining für den Radfahrer schon Sinn, Kniebeugen mit der Langhantel genügen im Großen und Ganzen. Weitere Tipps: Essen nach dem Training in den ersten 2 Stunden, keine Nahrungsmittelergänzung, das ist hinausgeschmissenes Geld. Tipps, wie man trainiert, möchte ich keine konkreten geben, da muss jeder für sich seinen Weg finden. Nur soviel: Kochrezepte aus dem Internet sind nicht für jedermann geeignet. Am effizientesten steigert man sich mit GA2-Einheiten. Wenn jemand ein Zeitfahrertyp ist, der gerne eine Stunde Vollgas gibt, aber nicht länger, muss er anders trainieren als jemand, der lieber lange Ausfahrten macht. TR: Vielen Dank für
das Gespräch.
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