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Sportarzt Dr. Thomas Scheiring aus Telfs ist DER Ansprechpartner in Tirol wenn es um wattgesteuertes Training geht. In einem Interview mit den Tiroler Radsportnews erzählt er mehr über die Grundlagen zum Thema.

Tiroler Radsportnews: Ich habe auf deiner Seite gesehen dass du wattgesteuertes Training anbietest. Wie funktioniert das ganze?
Dr. Thomas Scheiring:
Einleitend einige Worte zur Funktion des Watt- Trainings und zur Herzfrequenz: die Herzfrequenz ist ein biologischer Parameter, der sehr sensibel auf verschiedenste Reize reagiert . Die Herzfrequenz ist ein indirekter Parameter der Leistungsentfaltung und ist aufgrund verschiedenster Faktoren wie Magenfüllung, Wetter , Tagesverfassung nie ganz konstant. Durch das Watt Training hingegen hat man die Möglichkeit, dass man die direkt produzierte Leistung sehr genau messen kann, nämlich dort wo sie hingehört an der Kurbel bzw. am Hinterrad. Mit der konstanten Leistungsmessung im Vergleich zum herzfrequenzgesteuerten Training ergibt sich ein um 10 bis 15 Prozent effektiveres Trainieren. Wenn man dann noch die Vorteile beim Intervall Training dazurechnet, kann man davon ausgehen dass das Training sicherlich 20 Prozent an Trainings- Effizienz- Steigerung bringt.

Tiroler Radsportnews: Ist pulsgesteuertes Training also heute nicht mehr zeitgemäß?
Dr. Thomas Scheiring: Doch sicherlich. Vor allem im Hobby- und Freizeitbereich ist pulsgesteuertes Training auf Grund der Einfachheit und auf Grund der geringen Kosten das Mittel der Wahl.

Tiroler Radsportnews:
Wie genau muss man sich an die vorgegebenen Werte halten?
Dr. Thomas Scheiring: Genauso genau oder ungenau wie beim pulsgesteuerten Training...

Tiroler Radsportnews:
Kann man mit wattgesteuerten Training das "soziale Plauderrollen" also nicht total vergessen?
Dr. Thomas Scheiring: Nein, warum? Die Trainingsbereiche sind genauso eingeteilt wie beim Puls Training, nur dass ich mich nicht nach den Pulswerten richte und dabei allerdings auch die ineffektiven Rollphasen vermeide, bei denen der Puls oben bleibt aber die Leistung auf null sinkt. Das kann man dann genau bei der Auswertung der Trainingseinheit sehen, dass je nach Gelände und „Trainingsmotivation“ bis zu 20% des Trainings unterhalb des trainingswirksamen Bereichs liegen.

Tiroler Radsportnews: Ist diese Art des Trainings auch für Hobbyfahrer geeignet oder eher nur im Profibereich?
Dr. Thomas Scheiring: Diese Frage lässt sich so einfach nicht beantworten. Wenn jemand sehr technikverliebt ist und sich die Ausrüstung leisten möchte, kann er sehr viel über seinen Körper und über das Zusammenspiel von Leistung, Herzfrequenz und Training erfahren. Jedoch für einen Hobbysportler, der 5 h pro Woche trainiert, wäre es sinnvoller die Trainingszeit pro Woche zu erhöhen als sich ein Wattsystem zu leisten. Denn allein schon die Stundenerhöhung pro Woche hätte bereits einen größeren Leistungseffekt als ein Leistungs-Messgerät .

Tiroler Radsportnews:
Was muss man beim Material beachten?
Dr. Thomas Scheiring: Mittlerweile konzentriert sich der Markt auf zwei Anbieter: SRM und Powertap. Beide Systeme sind schon lange auf dem Markt und funktionieren technisch sehr gut . preislich ist das Powertap-System viel interessanter als SRM. SRM misst an der Kurbel direkt und Powertap misst an der hinteren Nabe die Leistung. Beide Systeme haben damit Vor- und Nachteile, die jeder für sich selbst abwägen muss. Bei Powertap kann man zwar das Hinterrad dann in ein anderes Fahrrad montieren, ist dafür aber an dieses Hinterrad gebunden, während man bei SRM jedes beliebige Laufrad verwenden kann. Dafür hat man die Kurbel immer nur auf einem Fahrrad.

Tiroler Radsportnews: Mit welchem finanziellen Aufwand muss man rechnen?
Dr. Thomas Scheiring: Ab ca. € 1.300,- ist man für ein Watt Training ausgerüstet .

Tiroler Radsportnews: Was kann man beim Watt-Training falsch machen?
Dr. Thomas Scheiring: der häufigste Fehler den ich immer wieder sehe, ist, dass die Sportler die Watt- Werte eines Stufentests direkt in das Watt- Training übernehmen. Dies funktioniert jedoch aus zwei Gründen nicht: erstens sind die absoluten Wattwerte einer Wattkurbel mit denen des Testergometers selten gleich und zweitens kann ich niemals die Werte im oberen Bereich eines Tests direkt als Watt- Werte übernehmen. Denn bei einem Stufentest, komme ich im Schwellen Bereich und darüber niemals in einen sogenannten Steady-State- Bereich. Die Werte im Grundlagen Bereich stimmen schon eher mit den Werten eines Stufen Tests überein. Zur Bestimmung Wattwerte an der Schwelle muss ich einen speziellen „Steady-State-Test“ auf meinem eigenen Fahrrad fahren, um exakte Werte zu ermitteln . Die genaue Durchführung des Tests und die Bestimmung der Dauerleistungsgrenze würde den Rahmen dieses Interviews sprengen.

Tiroler Radsportnews: Du führst auch eine Grundumsatzmessung durch. Klingt interessant. Erklär doch das ganze vielleicht kurz.
Dr. Thomas Scheiring: Bei der Grundumsatzmessung wird in absoluter Ruhe mit Hilfe des Sauerstoffverbrauchs der 24h-Kalorienverbrauch gemessen. Und gleichzeitig wird auch ermittelt wie viel Prozent davon Fett und wie viel Kohlenhydrate sind. Also ein super Instrument, um zu sehen, ob der Körper durch vorangegangene Diäten schon eine Erniedrigung des Grundumsatzes erfahren hat!

Tiroler Radsportnews:
Wie siehst du sonst die Situation in der Sportmedizin momentan, was tut sich hier in den nächsten Jahren neues?
Dr. Thomas Scheiring: Trainingstechnisch ist vor allem das Training nach Watt der große Hype in den kommenden Jahren. Ich kann mir gut vorstellen dass in einigen Jahren alle hochpreisigen Fahrräder schon serienmäßig mit einem Wattsystem ausgerüstet sind.

Tiroler Radsportnews:
Abschliessend noch ein paar Tips für uns Hobbysportler.
Dr. Thomas Scheiring: Erstaunlicherweise ganz im Gegensatz zum Kollegen Moosburger sehe ich immer wieder Hobbyathleten, die zu mir kommen und ohne Leistungsdiagnostik viel zu intensiv trainiert haben. Dies zieht sich durch alle Leistungskategorien. Es hält sich auch hartnäckige der Glaube, dass man nur eine Leistungsdiagnostik machen sollte, wenn man in Hochform ist. Genau das Gegenteil ist der Fall! Ich muss meinen Ausgangsstatus auch kontrollieren wenn ich im Aufbau bin und wenn ich mit dem Training beginne.

Tiroler Radsportnews:
Man hört immer wieder, dass das Lactatmessen „out“ ist, stimmt das?
Dr. Thomas Scheiring: Das Lactatmessen ist nur dann „ out“, wenn ich die Milchsäure als alleinigen Parameter zur Schwellenbestimmung heranziehe. Aus meiner Sicht ist das Lactat ein unverzichtbarer Hilfsparameter bei der Spiroergometrie auf dem Fahrrad. Damit kann man nützliche Zusatzinformationen aus dem Test herausholen