Der Ötztaler Radmarathon wird am Sonntag seinen 28. Geburtstag feiern. Für viele Tiroler Amateure und Hobbysportler stellt die Tour durch Nord- und Südtirol das Highlight der Saison dar. Kaum jemand kennt heute jedoch noch den Erfinder des Ötztal Radmarathons, "Legend" Helmut Maier aus Innsbruck. Die Tiroler Radsportnews haben den Veteranen zum Gespräch getroffen.
Tiroler Radsportnews: Vielen Dank dass du so kurzfristig Zeit für ein Gespräch hast. Erzähl mal, wie ist es zur Idee mit dem Ötztaler Radmarathon gekommen:
Helmut Maier: 1981 hab ich mich auf den Weg von Innsbruck auf den Jaufenpass gemacht. In Sterzing hab ich dann einen älteren Knaben getroffen, einen Deutschen, Alois. Denk ich mir: na den alten Knacker werd ich mal verbrennen. Oben hat der betagte Herr dann am Jaufenpass auf mich gewartet (lacht). Wie wir so ins Gespräch kommen, erzählt er mir dass er sein Auto in Kematen stehen hat und noch das Timmel und Kühtai am Programm hat. Unmöglich, denk ich mir. Ich hab mir dann die Telefonnummer geben lassen und siehe da, hat ers doch glatt geschafft. Im selben Jahr hab ichs noch selber probiert, allerdings gegen den Uhrzeigersinn. Ebenfalls geschafft. Da ist mir die Idee gekommen dass man daraus einen Radmarathon machen könnte. Die Rennsau sollte gekürt werden. So ist dann ein Jahr drauf am 22.08.09 um 06:15 der erste Ötztaler Radmarathon bei der Basilika in Innsbruck gestartet worden.
TR: Wieviele Teilnehmer waren dabei?
HM: 105. Ziel war am Ferrarihof bei einem Rennsaugulasch. Der Preis damals war ein Bierkrug für jeden Teilnehmer. Siegerzeit von Wegscheider war irgendwo knapp über 9 Stunden.
TR: Wie hoh war das Startgeld?
HM: 210 Schilling genau. Das wären jetzt? ..... 15 €.
TR: Wieviele Helfer hattest du damals?
HM: Hmmm, 5 Labestationen gab es damals. Wir haben 2 Strecken mit Kühtai und B Variante ohne Kühtai gehabt. Auf jedem Pass gab es eine Labe. Wir hatten damals pro Labe max 5 Helfer. Nein, eher weniger. Bei den Teilnehmern hätt auch einer gereicht. Summa Summarum also circa 20 oder 25, so genau weiss ich das nicht mehr.
TR: Es gab ja immer wieder Veränderungen im Start - Zielort.
HM: 3 Jahre waren in Innsbruck im Uhrzeigersinn, dann 5 mal in Mutters, dann wieder 3 mal Innsbruck, diesmal gegen die Uhr. 1991 musste auf Grund des Wetters die Strecke auf die Variante Innsbruck - Timmelsjoch - Haiminger Berg - Kühtai - Innsbruck geändert werden. Die Tunnels am Timmelsjoch auf italienischer Seite waren vereist, die Italiener gaben uns keine Erlaubnis zu passieren.
TR: Wieviele Teilnehmer hattest du 1991 im letzten Jahr?
HM: 1800 waren das dann damals.
TR: Wurdest du von der Presse unterstützt?
HM: Ab dem 2. Ötztaler hat es bereits Berichte im Tour Magazin gegeben, es war ja doch was besonderes. Im 2. Jahr hatten wir bereits 400 Teilnehmer. Dann gings stetig bergauf, von Jahr zu Jahr wurden es mehr.
TR: Wie schaute die Geschichte budgetmässig aus?
HM: Vermarktung war im Sportbereich noch in den Kinderschuhen. Ich hab auch immer nur ausgegeben was an Sponsoren und Startgeld eingenommen wurde, keine Förderungen von öffentlicher Hand. Das System der Vereinsförderung kannte ich damals noch nicht. Ich war der Meinung, dass wenn man positiv abschließt, du kein Anrecht auf Förderung hast. Die Eisstadionmiete kostete mich damals 10.000 Schilling. Ich habe da auch wirklich die Rechnung beglichen, der Vermieter war natürlich der Meinung ich würde mir das über die Stadt retourholen. Da war ich blauäugig. Alles wurde über den RC Rennsau und dann ab 88 über den Radclub 88 abgewickelt.
TR: 4000 Teilnehmer sind es heuer - wie ist das möglich?
HM: Früher noch keine Absperrungen - mit 700 Helfern, wie es in den Medien steht, aus den jeweiligen Orten ist das aber sicher möglich. Die Teilnehmer kämpften nicht nur mit der Strecke sondern auch mit dem Verkehr.
TR: Warum hast du den Ötztaler abgegeben?
HM: 1989 gab es ein trauriges Ereignis: Ein Italiener verunglückt am Jaufenpass. Das hat mich geprägt und schockiert. Und der Stress. Ich habe damals als Geschäftsführer im Sir Anthony gearbeitet. Eines Tages habe ich Besuch von meinem Chef bekommen, unerwartet. Ich habe ihn mit Smalltalk vor der Tür halten können. Hätte er mein Büro gesehen, es hat ausgeschaut wie ein Rennbüro. Ich glaub er hätte gesagt: Herr Maier, schön dass sie sich so engagieren, bitte machen Sie das aber zu Hause. (lacht). Insgesamt war ich 7 Monate im Jahr beschäftigt, von Sponsorensuche bis zur Nachbearbeitung. Ich hab leider eine Schwäche beim Delegieren. Was teilweise ganz gut war. Zum Beispiel. Es wird mir vorgeworfen zu wenig Essen in den letzten Jahren auf den Laben gehabt zu haben. Zum Schluss hatte ich einfach keine Kraft mehr die Strecke abzufahren. So ist es gekommen dass auch Betreuer sich Essen holten und das hat niemand kontrolliert. Wäre ich vor Ort gewesen, hätt ich von dem Problem gewusst, damals gab es aber auch kein Handy und niemand hat mir das melden können. Jetzt klappt das natürlich ganz anders, man hat Erfahrungswerte. Nur mehr Radler dürfen sich bedienen, keine Betreuer mehr. Teilweise wurden ja ganze Mannschaftsbusse verköstigt. Ich dachte nicht dass es so präpotente Leute gibt die dir die Laben abräumen.
TR: Wer übernahm den Ötztaler von Dir?
HM: Knauseder löste mir die Idee damals ab. Ich glaube er hat den selben Fehler wie ich mit den Laben gemacht. Soweit ich weiss haben ihm auch die Nachmeldungen ein bisschen das Genick gebrochen. Die Leute waren bereit mehr zu zahlen um Wettersicherheit zu haben, nur ist er dann eben bei Schlechtwetter ohne Starter dagestanden. Er ließ sich dann von den Söldenern überreden es in Sölden zu machen.
TR: Was hat dich am meisten genervt?
HM: Die Verantwortung für so vieles zu haben. Ich erinnere mich noch dass 1991 ein Mann in Sterzing aufgab, der Besenwagen aber schon voll war. Das wurde mir leider nicht gemeldet. Einer seiner Freunde hat ihn dann im Ziel gesucht, um 20:30 ist es ja dunkel geworden. Ich hab überlegt einen Suchtrupp zu schicken, hätte aber nichts gebracht. Im Hinterkopf hatte ich noch immer den Unfall vom 89er Jahr. Ich habe mir stundenlang den Kopf zerbrochen. Im Endeffekt ist der Knabe dann per Autostopp wieder heimgekommen, es ist nichts passiert. Ich habe das immer sehr persönlich genommen. Ich wollte alle Schäflein gesund nach Hause bringen. Die Schlagzeilen dass beim Ötztaler schon wieder einer verreckt ist, wollte ich mir ersparen. Ein wenig hab ich mich auch immer rechtlich abgesichert, da war ich sehr vorsichtig. So eine Sache wie beim Zugspitzenlauf, das wär mich nicht passiert. Ich hätte beinhart abgedreht so wie es heuer ja auch passiert ist.
TR: Möchtest du den Teilnehmern für kommenden Sonntag was mit auf den Weg geben?
HM: LASS DIE SAU NICHT AM WEGESRAND HERAUS, SONDERN IM ZIEL BEI WEIN WEIB UND GESANG! RENNSAU HEIL!
TR: Vielen Dank für das Gespräch.